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Christentum und Liberalismus

Im Christlichen Glauben ist der Mensch frei in seinen Endscheidungen, er hat die freie Wahl, Gottes Liebe (Wort Gottes) anzunehmen oder abzulehnen. Es werden an ihm keine Vorbedingungen zur Erlangung dieser Liebe gestellt. An Jesus Christus als den Sohn Gottes zu glauben, bedeutet, aufgrund seines in der Glaubensverkündigung begegnenden Wortes sich selbst und die ganze Welt in die ewige Liebe Gottes, des Vaters zum Sohn, hinein geschaffen zu glauben. Allein durch Glauben als der Liebe zu Gott kommt der Mensch in ein Verhältnis zu Gott, das es ihm ermöglicht, in der Welt anders als aus der Angst um sich zu leben. Er kann "seinen Nächsten lieben wie sich selbst" (Mk 12,31.33), das heißt sich so in die Lage des anderen hineinversetzen und mit ihm mitfühlen, als stünde er selbst an seiner Stelle; er wird ihm dann das tun, was der andere wirklich braucht. Es geht hier also nicht um eine Aufforderung zur Selbstliebe oder um die Erwartung entsprechender Gegenleistung, sondern um die Verkündigung unseres Geliebtwerdens durch Gott und die in ihr gegründete Fähigkeit, mit Freundlichkeit und Wohlwollen auf andere einzugehen.

Der christlichen Lehre zufolge ist der Mensch Geschöpf der Liebe Gottes, folglich ist seine Würde unantastbar. Weitergehend hat der Mensch die Freiheit Kind Gottes zu sein. Konsequent hiermit erwartet der Christ, nicht gegen ihn, also tolerant zu sein. Das Gebot der Nächstenliebe ist die praktische Umsetzung, d.h., Lebensleitlinie dieser Auffassungen.

In einer funktionsfähigen Gesellschaft sind ablesbar und nachvollziehbare Normen und Regeln unverzichtbar. Im Zentrum dieser politischen Philosophie steht das Individuum. Auszugehen ist hierbei von der Idee des freien Menschen und dem Prinzip der Nichtaggression. Sollen die Menschen insofern von einander befreit sein, ist jedermann gefordert darauf achten, dass seine Freiheit mit der des je anderen verträglich ist. Jesus Christus hat dies als Nächstenliebe bezeichnet: Der Härte des Wortes, das aber die Gefühle des je anderen nicht absichtlich verletzen soll, folgt nie die Härte der Tat. Wettbewerb ist ethisch geboten, denn nur so entsteht das Mehr, das die Schwächsten nicht leisten können. Wettbewerb ist Freiheitspraxis; aber Wettbewerb darf keinesfalls Ausbeuten oder Vernichtung des Anderen zur Folge haben.

Wenn aus christlicher und liberaler Sicht die individuelle Freiheit die Grundnorm und Basis unserer menschlichen Gesellschaft ist, muss staatliche Ordnung dementsprechend ausgerichtet werden.

Die Idee der individuellen Freiheit hat nach liberalem und christlichem Verständnis zwei gewollte Folgen: 

  • den Glauben frei zu leben oder gar ablegen zu können, indem er Gottes Wort nicht annimmt. Wo die Freiheit des Einzelnen beeinträchtigt wird, hat die staatliche Gewalt zu enden. 

  • Würde die Freiheit des Einzelnen durch den Glauben eingeschränkt werden, so würde sie der Liebe Gottes zu wieder laufen. 

So gesehen, war Jesus Christus, Gründer der heutigen Kirchen nicht nur Menschenfreund, sondern selbst ein liberaler Mensch.

Das Gewissen des je anderen ist unantastbar. Liberalismus ist folglich die Lehre der Freiheit, aber nicht die Lehre zur Lösung der Gewissensfragen. Zum gegenseitigen Respekt der Privatheit gehört auch die Haltung, dass sich die Beziehung des christlichen Liberalen zu seiner Kirche ohne liberale Vorgaben entfalten soll. Diese innere Liberalität, einer Toleranz aus Respekt, setzt sich im gesellschaftlichen Raum mit dem unerschrockenen Einsatz für die Menschenwürde fort.  

„Der christliche Geist solle die Gesellschaft durchdringen und zur entscheidenden Kraft einer Neuordnung werden.“  Friedrich Naumann (1897)

Weiterführende Links

Roland Baader: Christlicher Glaube und Liberalismus: unvereinbar? [pdf]


Quellen


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