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Sozialismus

Das Irreale dieser Konstruktion ist grotesk.
(Bewertung der „Endzeitvorstellungen“ des SPD-Vorsitzenden August Bebel)

Neben Liberalismus und Konservativismus stellt Sozialismus die dritte wesentliche politisch-ideologische Strömung der jüngsten Neuzeit dar. Während Liberalismus relativ eindeutig zu definieren ist, ist eine genauere Definition des Sozialismus nur indirekt, insbesondere durch Abgrenzung vom Liberalismus möglich. Während der Liberalismus Individualismus bedeutet, meint Sozialismus in Abgrenzung dazu Kollektivismus, indem insbesondere das für den Liberalismus zentrale Eigentum „sozialisiert“ („vergesellschaftet“) werden soll. Unklar ist allerdings schon, was „Sozialisierung“ wirklich bedeutet. Historisch ist dies in der Regel auf eine diktatorische Totalverstaatlichung hinausgelaufen, die aber zumindest bei den maßgeblichen Theoretikern Karl Marx und Friedrich Engels eigentlich nicht gemeint sein konnte, gingen sie doch davon aus, daß mit dem Sozialismus der Staat und damit die politische Herrschaft verschwinden würde („Absterben des Staates“). Anders als der klassische Konservativismus, der die allgemeine Freiheitskonzeption des Liberalismus aus anthropologischen Gründen mit Skepsis betrachtete (Zweifel, ob die Menschen wirklich frei sein wollen und ob sich dies in allgemeiner Weise verwirklichen ließe), nimmt der Sozialismus die Freiheitskonzeption auf, die für Liberalismus steht und steigert sie ins Absurde: Herrschaft ist dann aufgehoben und umfassende Freiheit verwirklicht, wenn jeder mit jeden übereinstimmt und sich damit nicht unterdrückt fühlt. Um diesen Zustand zu erreichen, müssen die Freiheitsrechte, die einen wesentlichen Aspekt der menschlichen Entzweiung und Entfremdung (Unfreiheit) zum Ausdruck bringen, überwunden werden. Die Religionsfreiheit ist dann etwa zur Freiheit von der Religion und die Eigentumsfreiheit als Freiheit vom Privateigentum zu definieren (so Marx). Auf diese Weise wird die Freiheit des Individuums durch die Freiheit eines Kollektivs (Menschheit, Arbeiterklasse, Nation oder auch Rasse) ersetzt, in der die Freiheit des Einzelnen eingeht und damit „aufgehoben“ ist. In diesem Zustand wird dann das Anliegen des Liberalismus zu einem rein theoretischen (so Lassalle). Sozialismus stellt daher ein Anliegen dar, das zutreffend als „totalitäre Demokratie“ (Talmon) gekennzeichnet worden ist, die ihre konzeptionelle Ausformulierung in der radikalen Strömung des Französischen Revolution genommen hat, auf die sich Friedrich Engels als Ausgangspunkt des Sozialismus ausdrücklich bezog.   

Diese Dialektik der Freiheitsverwirklichung durch Freiheitsabschaffung lässt das Anliegen des Sozialismus erahnen, leistet aber immer noch keine klare Definition des Sozialismus, die es wahrscheinlich nicht gibt. Die mit einer Sozialismusdefinition verbundene Unsicherheit ergibt sich aus der zutreffenden Beschreibung des Anliegens der klassischen Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg, mit der die sozialistische Idee ihre organisatorische und parteipolitische Konkretisierung erfahren hat. „Abgesehen davon, dass auch schon der Charakter des gesellschaftlichen Eigentums und der sozialistischen Produktion (im Erfurter Programm der SPD und bei den Erläuterungen von Kautsky, Anm.) nicht näher umschrieben wird, gibt das Programm erst recht keine Auskunft über die Organisationsform einer sozialistischen Gesellschaft (der Begriff „Staat“ wird grundsätzlich vermieden); es begnügt sich mit der Formel „Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst“ und „gleiche Rechte und gleiche Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. Einzig das Gleichheitsprinzip steht demnach fest. Das Programm legt offensichtlich auf die politische Struktur der neuen Gesellschaft weiter weniger Wert als auf die wirtschaftliche und soziale“ (Gilg). Diese Unklarheit bei der Sozialismusdefinition, die allenfalls durch die Abgrenzung insbesondere gegenüber dem Liberalismus („Kapitalismus“) etwas Klarheit gewinnt, spiegelt sich in dem sicherlich sehr positiv gemeinten Eintrag der im Zweifel sozialistisch manipulierten „Wikipedia“ zum Stichwort „Sozialismus“: „Gerade in der Ausbildung des eigentlichen Sozialismus gab es vielfältige Varianten. Frühsozialisten wie François Noël Babeuf, Claude-Henri Comte de Saint-Simon, Louis-Auguste Blanqui, Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon, William Godwin, Robert Owen oder Moses Hess legten politische Konzepte von quasi-absolutistischen Diktaturen bis hin zu einem anarchistischen Föderalismus vor. Einig waren sie sich einerseits in einer abwehrenden Reaktion gegen Effekte des Frühkapitalismus wie in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, die mittelalterliche Standesunterschiede ebenso überwinden würde wie neuere Klassengegensätze. Oftmals argumentierten sie sehr moralisch, eine sozialwissenschaftlich inspirierte Analyse wie sie von Marx geleistet wurde, fehlte.“

Deutlich wird, dass sich danach der Sozialismus durch jede Regierungsform verwirklichen lässt, die „soziale Gleichheit“ bzw. „soziale Gerechtigkeit“ verwirklicht, wenngleich es der Sozialismus bevorzugt, sich als „Demokratie“ zu definieren (was letztlich der Konkurrenz zum Liberalismus geschuldet ist). Da die „soziale Gleichheit“ etwas anderes bedeutet als die aus dem Freiheitskonzept des Liberalismus folgende Rechtsgleichheit, sondern eine „materielle Gleichheit“ meint, kann man die besondere Gefahr, die der Sozialismus für das Anliegen des Liberalismus darstellt, an der spezifischen Gleichheitskonzeption festmachen. Die Gleichheitsidee gebiert logischerweise das Ungleiche, das der Sozialismus beseitigen will. Dieses zu beseitigende Ungleiche lässt sich als Vermögensungleichheit beschreiben (so die gemäßigte Form des Sozialismus), kann aber auch den politischen Pluralismus (Meinungsunterschiedlichkeit) meinen, der im Sinne „demokratischer“ Einheitsmeinung beseitigt werden muss, weil nur dadurch die Übereinstimmung eines jeden mit jeden möglich ist (so etwa der bundesdeutsche „Antifaschismus“). Ungleichheit kann allerdings im Sinne der Fortschrittsdoktrin, der sich der Sozialismus verschrieben hat, auch Rassenungleichheit meinen, die es durch Genozid oder durch mehr oder weniger zwangsweise Assimilation zu beseitigen gilt. In der Tat findet sich das Genozidmotiv als Fortschrittsdoktrin, anders als bei konservativen und liberalen Theoretikern, bei sozialistischen Theoretikern des 19. Jahrhunderts. Dies ist insofern nicht verwunderlich als die beschriebene Freiheitskonzeption des Sozialismus konsequenter Weise auch bedeuten muss, dass die liberale Freiheit des Lebens zur sozialistischen Freiheit vom Leben „gesteigert“ werden muss, eine Folgerung, die sich aus der Marx´schen Anthropologie ohne weiteres ergibt. Voegelin ordnet diese Anthropologie in die Tradition der spätantiken Gnosis ein, die durch die religiöse Untergrundströmung (Katharer, Wiedertäufer, radikale Hussiten) tradiert worden ist und auf die sich sozialistische Theoretiker in der Tat explizit bezogen haben. So ist es schon theoretisch zu erklären, warum Heinsohn in seinem „Lexikon der Völkermorde“ zu der Erkenntnis gelangen musste, daß unter „keiner Weltanschauung ... in der Menschheitsgeschichte größere Mega-Tötungen vollzogen (wurden) als unter Regierungen, die sich dem Marxismus bzw. dem wissenschaftlichen Sozialismus verpflichtet fühlten“. Die zentrale These des Sowjetdissidenten und Mathematikers Schafarewitsch geht aufgrund des utopischen Anliegens des Sozialismus, das auch und gerade den Marxismus als angeblich wissenschaftliche Form des Sozialismus kennzeichnet, sogar dahin: „Der Tod der Menschheit ist nicht nur ein denkbares Ergebnis, wenn der Sozialismus triumphiert, sondern er stellt das Ziel des Sozialismus dar.“

Im 20. Jahrhundert, d.h. gegen Ende des 1. Weltkriegs, hat sich der Sozialismus in drei Richtungen aufgespaltet: Sozialdemokratie, Kommunismus und Nationalsozialismus (nationale Sozialismus). Während der historische Zusammenhang zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus allgemein akzeptiert wird, gilt für den Nationalsozialismus: „Der nationale Sozialismus teilte eine Reihe von Überzeugungen mit der Linken, aber konnte sich nicht auf der Linken einfinden...; die National-Sozialisten waren Häretiker der Linken und wurden deshalb von der Orthodoxie mit besonderem Hass verfolgt“ (Weißmann). Während nachklassische SPD und Kommunismus noch einige Zeit, im Grunde bis heute fortdauernd, gemeinsame Schriften und Überzeugungen teilten, wenngleich sie daraus etwas unterschiedliche Folgerungen abgeleitet haben, bezog sich der National-Sozialismus nicht auf dieses Schrifttum, sondern verstand sich als eigene Schöpfung, setzte dabei aber die sozialistischen Ideen und Ressentiments voraus, die er auf seine Weise formte. Dabei kam im Nationalsozialismus manches zum Vorschein, was in der klassischen sozialistischen Tradition verdrängt oder zumindest an den Rande gedrängt worden war, wie etwa die Konzeption der demokratischen Führerdiktatur, die etwa auf Lassalle zurückgeht oder der Antisemitismus, der als mittelalterliche Form des Antikapitalismus letztlich die Vorform des modernen Sozialismus darstellt. Dieser ist zuletzt vom „freiheitlichen Sozialisten“ Eugen Dühring bis zur Genozidforderung radikalisiert worden. Dieser war zeitweilig innerhalb der Berliner SPD mit Marx und Lassalle als Theoretiker auf eine Stufe gestellt worden. Mögen sich auch ideologisch nachklassische Sozialdemokratie und Kommunismus näher stehen, so ähneln sich in der politischen Praxis dann doch bei weitem mehr Kommunismus und Nationalsozialismus, was darauf zurückzuführen ist, dass sich die nachklassische Sozialdemokratie stärker von der eigentlichen sozialistischen Tradition lösen konnte, weil sie sich am weitestgehenden auf den Liberalismus einließ. Damit konnte Sozialismus tendenziell zu einer Metapher domestiziert werden, die sich dann etwa als ethisches Prinzip formulieren ließ, das die liberale Gesellschaftsordnung sozialer auszugestalten gebietet. Im Kommunismus und National-Sozialismus behielt dagegen der Sozialismus seine konkretere Bedeutung, die in einer unübertrefflichen, aber auch prophetischen Weise der Philosoph Friedrich Nietzsche formulierte, der noch die klassische sozialistische Ideenströmung vor Augen hatte, die aber zumindest für Kommunismus (International-Sozialismus) und National-Sozialismus noch immer zutrifft (und auch für die nachklassische Sozialdemokratie nicht völlig ohne Relevanz sein dürfte):

Der Sozialismus ist der phantastische jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus, den er beerben will; seine Bestrebungen sind also im tiefsten Verstande reactionär. Denn er begehrt eine Fülle der Staatsgewalt, wie sie nur je der Despotismus gehabt hat, ja er überbietet alles Vergangene dadurch, dass er die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt: als welches ihm wie ein unberechtigter Luxus der Natur vorkommt und durch ihn in ein zweckmäßiges Organ des Gemeinwesens umgebessert werden soll. Seiner Verwandtschaft wegen erscheint er immer in der Nähe aller excessiven Machtentfaltungen, wie der alte typische Sozialist Plato am Hofe des sicilischen Tyrannen; er wünscht (und befördert unter Umständen) den cäsarischen Gewaltstaat dieses Jahrhunderts, weil er, wie gesagt, sein Erbe werden möchte. Aber selbst diese Erbschaft würde für seine Zwecke nicht ausreichen, er braucht die allerunterthänigste Niederwerfung aller Bürger vor dem unbedingten Staate, wie niemals etwas Gleiches existiert hat; und da er nicht einmal auf die alte religiöse Pietät für den Staat mehr rechnen darf, vielmehr an deren Beseitigung unwillkürlich fortwährend arbeiten muss — nämlich weil er an der Beseitigung aller bestehenden Staaten arbeitet —, so kann er sich nur auf kurze Zeiten, durch den äußersten Terrorismus, hie und da einmal auf Existenz Hoffnung machen. Deshalb bereitet er sich im Stillen zu Schreckensherrschaften vor und treibt den halb gebildeten Massen das Wort "Gerechtigkeit" wie einen Nagel in den Kopf, um sie ihres Verstandes völlig zu berauben (nachdem dieser Verstand schon durch die Halbbildung sehr gelitten hat) und ihnen für das böse Spiel, das sie spielen sollen, ein gutes Gewissen zu schaffen. — Der Sozialismus kann dazu dienen, die Gefahr aller Anhäufungen von Staatsgewalt recht brutal und eindringlich zu lehren und insofern vor dem Staate selbst Misstrauen einzuflössen. Wenn seine rauhe Stimme in das Feldgeschrei "so viel Staat wie möglich" einfällt, so wird dieses zunächst dadurch lärmender, als je: aber bald dringt auch das entgegengesetzte mit umso größerer Kraft hervor: "so wenig Staat wie möglich." (Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)

"Der Sozialismus tritt in mancherlei Gewand auf, doch alle Varianten haben zumindest ein unveränderliches Element gemeinsam – die Überzeugung, dass aller Reichtum von der Gesellschaft und nicht von Einzelnen geschaffen wird." Anthony de Jasay


Weitere Literatur zum Thema

Josef Schüsselburner: Roter, Brauner und Grüner Sozialismus. Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus

Peter Gilg: Die Erneuerung des demokratischen Denkens im Wilhelminischen Deutschland. Eine ideengeschichtliche Studie zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, Wiesbaden 1965

Igor R. Schafarewitsch : Der Todestrieb der Geschichte. Erscheinungsformen des Sozialismus, Frankfurt / Berlin / Wien 1980

J. L. Talmon: The Origins of Totalitarian Democracy, Boulder / London 1985

 Eric Voegelin: Wissenschaft, Politik und Gnosis. 1959; engl. Science, Politics and Gnosticism, Chicago 1968

Susanne Miller: Das Problem der Freiheit im Sozialismus. Freiheit, Staat und Revolution in der Programmatik der Sozialdemokratie von Lassalle bis zum Revisionismus-Streit, Frankfurt 1964

 


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